No Sleep till Hiddensee
Rudern auf dem Meer? Ob das so ohne weiteres geht, erfahrt Ihr in diesem Artikel. Auf dem letztjährigen Marathonitreffen schlug Marathonruder-Urgestein Olaf Behrend, inzwischen beim Ulmer RCD, ein Abenteuerprojekt vor: Die Insel Hiddensee, westlich von Rügen, sollte im Ruderboot umrundet werden. Um das Risiko zu begrenzen, wollten wir nicht im Gigboot, sondern im Coastal-4x+ rudern. Praktischerweise hat der DRV zwei dieser Boote beim Stralsunder Ruder-Club untergebracht, und Olaf hat eines davon, einen Filippi mit dem Namen „Albatros“, für uns organisiert. Das Team bestand neben Olaf aus Henning Osthoff und Christian Maus, inzwischen ruderisch in Köln/Bonn beheimatet, sowie Matthias Auer und Jochen Betten.
Ein verlängertes Wochenende vom 9.7. bis 12.7. sollte genug Zeit bieten, um zumindest einen Tag mit verwertbaren Wetterbedingungen für die große Tour zu haben. Die Anreise mit der Bahn war aufgrund diverser Fahrplanänderungen und Zugausfälle zwar überhaupt nicht so möglich wie zum Zeitpunkt des Ticketkaufs geplant, aber bis auf die verlorenen Platzreservierungen gab es keine größeren Probleme. Schlussendlich trafen trotz des Chaos im Vorfeld alle fünf nahezu zeitgleich gegen 16 Uhr aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen in Stralsund ein. Nach 15 Minuten Fußmarsch waren wir am Bootshaus. Die Unterkunft in 2 Mehrbettzimmern im Obergeschoss war großzügig, die Essküche mit Blick auf den Bodden phänomenal – aber die größte Spannung und Vorfreude bezog sich natürlich aufs Bootsmaterial.
Um 18:00 war es soweit. Maik, unser local contact, stellte uns den „Albatros“ vor, ein wahrlich beeindruckendes Schiff mit einem (vorgeschriebenen) Kampfgewicht von satten 150kg! Für alle, die wie ich noch nie in so etwas gerudert sind, kommt hier eine kurze Beschreibung: Das Boot ist ca. 120cm breit und hatStummelflügel als Ausleger. Beeindruckend ist der locker 60cm hoch aufragende, steile Bug mit der Bootsspitze unter der Wasserlinie – Bugball: Fehlanzeige! Hinter dem Steuersitz ist es nach hinten quasi offen, was Manöver mit „streichen“, also rückwärts rudern zu einem feuchten Vergnügen für den Steuermann macht. Die Rudereinrichtung an sich ist genau wie im Gigboot mit etwas größerem Rollbahn-Abstand und C4x-typischem Dollenabstand. Man rudert mit normalen Skulls, in unserem Fall ein auf Grund von Schadensfällen zusammengestückelter Satz Bigblades mit Manschetten und Klemmringen auf der Zielgerade ihres Daseins. Das Boot hat einen eigenen Bootswagen, ein wenig wie das, was einige vielleicht vom Segeln für eine Jolle kennen. Damit lässt es sich vom Bootsplatz über eine lange Brücke zum Steg bringen, von dem es es über eine spezielle, transportable Rolle ins Wasser geht.
Auf dem Wasser ist das Boot einerseits erstaunlich wendig, und andererseits liegt und fährt es, der Breite und Masse sei Dank, erfreulich stabil, wenn es mal etwas kabbelig wird; ein Segen für unsere lädierten Rücken. Damit das Rudern maximal Spaß macht, hat Matthias aufopferungsvoll die Einstellung überprüft und grobe Anpassungen vorgenommen. Wie sich das Rudern ansonsten anfühlte, sei chronologisch erzählt. 4 Kalendertage bedeuten 4 Ruderausfahrten.
Donnerstag 9.7.: einrollen.
Für die erste Ausfahrt im ungewohnten Material haben wir uns eine kurze Runde Richtung Südosten entlang der Innenstadt und der „Volkswerft“ mit ihrem sehr prominenten Hauptgebäude, einem 300m langen und 78m hohen Klotz, und dann am südlichen Ufer Rügens entlang zurück zum Stralsunder Ruder-Club ausgesucht. Nach den ersten paar Schlägen war klar: das wird Spaß machen. Nach vielen Jahren gemeinsamer Regatten gibt es eine sehr übereinstimmende Vorstellung vom Rudern, und das fluppte sofort aufs sehr angenehme Art. Spannend für die Bodden-Neulinge unter uns: die eigentlich sehr große Wasserfläche zwischen Festland und Rügen kennt die eine oder andere Untiefe, da ist es dann selbst für ein Ruderboot zu flach. Wer die Karte lesen oder die Fahrwassertonnen finden kann, ist klar im Vorteil. Die knapp 20km lange Runde haben wir mit viel Spaß erledigt, so richtig coastal mäßige Wasserbedingungen waren nicht dabei. Im Abendlicht zurück an den roten Backsteinhäusern der Stadt vorbeizurudern war auf alle Fälle ein schöner Ausklang der ersten Ausfahrt.
Freitag 10.7.: es wird ernscht.
Die Windprognose sah brauchbar aus, es waren keine 70km/h wie am vorangegangenen Wochenende zu erwarten, sondern sehr moderate Windgeschwindigkeiten von maximal 20km/h; obwohl es für den Samstag noch ruhiger aussah, entschieden wir uns für die große Tour rund um Hiddensee direkt am ersten vollen Tag. Richtung Norden ging es zwischen Festland und Rügen heraus, wobei die fahrbare Rinne teilweise schon wirklich schmal war und deutliche Richtungsänderungen aufwies. Den Tipp der Ortskundigen „nicht abkürzen“ wurde durch Möwen und andere Wasservögel nachdrücklich belegt, die unweit der Fahrrinne auf festem Boden in Form von Sandbänken standen. Wie auf Langstreckenregatten wurde im halbstündigen Rhythmus durchgetauscht, allerdings deutlich bedächtiger und altersgerechter. Das Klettern durchs Boot war dabei allerdings trotz der Breite nicht ganz trivial, laufen wir doch normalerweise auf den Dollborden – bei dieser Bootsbreite ein Ding der Unmöglichkeit. Also wurde recht zentral, direkt auf dem Rolldeck gegangen – balancetechnisch, da freihändig, ungewohnt und gar nicht so einfach. Direkt zu Beginn wurde das Wasser überraschend unruhig, und hier konnte der Albatros auftrumpfen. Im Gegenwind und über den Acker aus kurzen Wellen mit Schaumkronen sind wir sehr entspannt drübergepflügt, angesichts der großen Wasserfläche wären wir im Gigboot schon sehr nervös geworden. Nach gut 30 km ging der Kurs nach Westen Richtung offenes Meer. Von der Steilküste am Nordende Hiddensees waren wir beeindruckt, ein echtes landschaftliches Highlight. Der Albatros trug uns bei leichtem Mitwind gen Süden, und dank Google Maps haben wir schon bald eine passende Pausenstelle entdeckt. Ein Wikingeranleger am Sandstrand war bei den Windverhältnissen ein einfaches Unterfangen, und das Restaurant „Buhne XI“ hinter den Dünen schnell gefunden. Hier gab es Fisch, Fisch, Fisch und wenige andere Dinge, und alles war lecker. Der Rückweg am pittoresken Leuchtturm vorbei war easy, und hätten wir nicht die vermeintlich aussichtsreiche Route gewählt, die die Bucht nördlich von Stralsund komplett ausfährt, wäre es hinten raus auch etwas weniger anstrengend und zäh gewesen. So waren das Après Kaltgetränk und das Abendessen redlich verdient. Statt der anvisierten 70km für die Hiddensee-Runde standen am Ende 72km auf der Uhr bzw. dem GPS. Bettschwere war vorhanden, und das war auch gut so, denn der Saal des Bootshauses wird gerne für private Feiern vermietet und verfügt über eine sehr potente Musikanlage.
Samstag 11.7.: Südsee-Feeling
Die Pflicht erledigt, jetzt wollten wir etwas Neues erkunden. Matthias hatte daheim recherchiert und einen Strand als Etappenziel auserwählt: Palmer Ort, was gleichzeitig die Südspitze der Insel Rügen ist. Auf dem Hinweg haben wir neben dem markante Volkswerft Gebäude vor allem die gewundene Fahrrinne bestaunt, ansonsten ging es ziemlich zügig bis zum Zielort. Kurz vorher, nach Passieren der Fähre Stahlbrode – Glewitz, änderte sich das Ufer, und es wurde wildromantisch mit losen, alten Bäume an einem etwas steileren Ufer anstelle der großen Wiesenflächen, die wir zuvor passiert hatten. Und am Südzipfel Rügens wartete dann ein wirklich pittoresker Strandanleger auf uns, den einige für eine erfrischende Badepause genutzt haben. Ein Gruppenfoto mit perfektem Hintergrund später sind wir dann schweren Herzens zurück gefahren. Einer wollte noch nach Greifswald, wurde aber überstimmt. Stattdessen fuhren wir bei aufkommendem Ostwind und entsprechenden Schaumkronen direttissima nach Stahlbrode, das war eine spannende Perspektive. Hier gab es einen kleinen Schutzhafen und die Erkenntnis, dass man bei Stummelauslegern mit Krallendollen die Skulls nicht langlegen kann. Der Anleger hat trotz dieser Komplikation mit einer Kombination aus Entschlossenheit und Schwarmintelligenz prima geklappt, und wir konnten im Hafenimbiss einkehren. Bestens gestärkt und gelaunt haben wir uns auf den Heimweg gemacht. Olaf versuchte, Jochens Kurs vom Hinweg zu optimieren und musste, deutlich mehr als 100m von der Uferlinie entfernt, an einer Stelle flugs das Schwert des Albatros einziehen. Mit fast nicht wahrnehmbarer Grundberührung flutschten wir über die Sandbank. Wir sind auf dem Rückweg noch im Hafen von Stralsund bei der alten Gorch Fock vorbei gerudert und haben dabei das staunende Publikum mit einer erstaunlich engen Kurve bei voller Fahrt beeindruckt.
Eben dort auf die Hafeninsel kehrten wir zu späterer Stunde zurück, war hier doch ein kleines Hafenfest mit Essensangeboten diverser Geschmacksrichtungen und geographischer Herkunft. Wir haben noch einen Schlenker durch die Stadt gemacht und dabei eine Klappbrücke in Aktion, eine große griechische Party mit ordentlicher Musik und arg entwicklungsfähigem Gesang sowie die Altstadt mit Rathausplatz mitgenommen.
Sonntag 12.7.: Frühstücksrudern
Am letzten Tag wollten wir nochmal einen neuen Reiz setzen, was hieß: Die schöne Stimmung des frühen Morgens mitnehmen und uns unser Frühstück errudern Geplant war ein Ablegen um 6:30. Die schönsten Farben gab es schon um kurz vor 5, wie der Autor aufgrund eines unerklärlichen Frühaufsteh-Anfalls (andere nennen es senile Bettflucht...) bewundern durfte. Brot, Brotbeläge, Kaffee, Cola Zero wurden eingepackt, und dann sind wir die knapp 10km nach Barhöft gerudert, um an einem winzigen Sandstrand anzulanden und auf der Tisch/Bank Kombi oberhalb gediegen zu frühstücken und das frühe Treiben im kleinen Hafen zu beobachten. Auf dem Rückweg haben wir es ohne besondere Ansage mit leichtem Schiebewind tatsächlich für einige Kilometer geschafft, mehrere 500m-Abschnitte mit 2:20er Pace zu rudern, zu Matthias Leidwesen nicht drunter. Ich war ein weiteres Mal sehr happy über synchrones Setzen, produktiven Druckverlauf und natürlich die gute Stimmung an Bord.
Das Ruderabenteuer war beendet, und es war noch Zeit für ein längeres Bad in der Ostsee. Bei der anschließenden Bootspflege hat sich das Motto bewahrheitet: Putzen lohnt sich, wenn man einen Unterschied sieht. Der Albatros wurde so übergeben, dass wir sicher nochmal wiederkommen dürfen, und ich für meinen Teil werde das auf jeden Fall tun.
Vielen Dank an Olaf fürs Organisieren und an Matthias, Christian und Henning für ein rundum gelungenes Ostsee-Wochenende!
























