Rallye du Canal du Midi, 10.-19.08.2018

Hop-Hop-Hop von Toulouse nach Béziers

Schon bei der Planung gab es Anzeichen, dass dies eine besonders abenteuerliche und vielseitige Wanderfahrt werden sollte. Ohne Jim Knopf (dafür aber mit Suzie, unserer Teamkollegin vom Nelson Rowing Club; Neuseeland) meldeten sich 13 wilde Stuttgarter mit zwei Booten bei der 37. Rallye du Canal du Midi an.

Diese traditionelle französische Regatta bietet allein für sich schon ausreichend Gelegenheit, sich rudernd - und Boote tragend - auszutoben, aber die Reisegruppe nahm noch eine weitere Herausforderung an: aufgrund einer Einladung bestand die Möglichkeit, am Wochenende vor Regattabeginn unter kundiger Anleitung Meeresrudern auf dem offenen Mittelmeer vor Marseille (Calanques) auszuprobieren.

Marseille:

Demzufolge reiste das Stuttgarter Team am Donnerstag und Freitag in zwei PKW und einem Kleinbus an und traf sich nach langer Fahrt am Freitagabend in einem Stadthotel im Zentrum von Marseille. Unser erstes gemeinsames Essen fand in einem kleinen marokkanischen Restaurant statt. Gesättigt, in bester Laune - ohne einen Tropfen Alkohol(!) - fanden wir zu Fuß zu unserem nahegelegenen Hotel zurück und fielen erschöpft in die Betten.

Das Meeresrudern am nächsten Tag war für 9 Uhr organisiert. Unsere Gastgeber Cathérine und Thierry vom ASPTT Marseille hatten drei meerestaugliche gesteuerte 4er und einen 2er vorbereitet, sodass wir gemeinsam mit den Marseiller Steuerleuten zu den Meeresfelsen mit Monte Cristos Gefängnis (leer!) und versteckten Badebuchten (voll!) aufbrachen.

Die speziell für das Meer konstruierten Boote konnten nicht volllaufen, aber trotz einer angepassten Rudertechnik waren die vorherrschenden Groß-, Längs-, Quer- und Überraschungs- Wellen sehr gewöhnungsbedürftig. Hierbei erschien dem Autor dieses Berichtes die Hinreise zu den Felsen kurzweilig und schnell, die Rückreise dauerte trotz auflandigem Wind gefühlt eine Ewigkeit.

Ein toller Tag, den wir mit einem Apéro mit unseren Gastgebern, eine Stadtbesichtigung und einem festlichen Abendessen im Alten Hafen von Marseille beendeten.

Toulouse:

Am Sonntagmorgen ging es dann über Béziers (Zielort der Rallye) nach Toulouse (Startpunkt der Rallye), wo wir am Sonntagnachmittag in windiger, staubtrockener

und heißer Sommerluft die uns zugeteilte Booten aufriggerten. Danach ging es Richtung Innenstadt Toulouse, wo wir den Place du Capitole und die Basilika San Sernin besichtigten, bevor es zum gemeinsamen Abendessen ging. Nach einem heftigen Gewitter in der Nacht fanden wir dann am nächsten Tag bei Regattastart ideale Ruderbedingungen vor.

Montag, Erster Rallye-Tag

Toulouse - Ayguesvives : vormittags ( 22,8 km / 3 Schleusen )

Ayguesvives - Port Lauraguais : nachmittags ( 21,8 km / 7 Schleusen)

Am Start fanden sich die 15 gemeldeten Teams pünktlich ein und wir waren überrascht, wie international die Mannschaften aufgestellt waren: die Teilnehmer kamen unter anderem aus Frankreich, Schweiz, Deutschland, England, Dänemark, Südafrika und Neuseeland. Bei den Teams, die jeweils aus 4 Ruderern, einem Steuermann/einer Steuerfrau und einem „Radel-Scout“ bestanden, waren alle Altersgruppen von 20 bis 80 Jahren vertreten.

Eine letzte Einweisung kam vom Monsieur, le Président (alias „Hop-Hop-Hop“) und seinem Team, die diese Regatta hervorragend organisiert haben, bevor es in Port Saint Sauveur in Toulouse losging.

Auf dem, malerisch von Platanen umsäumten, Kanal liefen die ersten 11 Ruderkilometer vom Start weg flüssig und leicht, bis die erste Schleuse kam! Diese erste Schleuse, die uns beim Umtragen einige Mühe machte, ließ erahnen, was noch auf uns zukommen sollte.

Der gut organisierte Bustransfer brachte uns dann abends nach Carcassonne, wo wir in der Jugendherberge in der alten Festung (Cité) übernachteten. Obwohl nur sehr wenig Wasser aus den Duschen tropfte, sind wir alle sauber und hungrig zum gemeinsamen Abendessen erschienen.

Dienstag, Zweiter Rallye-Tag

Port Lauraguais - Castelnaudary : vormittags ( 14,7 km / 6 Schleusen)

Castelnaudary - Bram : nachmittags ( 16,6 km / 13 Schleusen)

Dieses Teilstück beinhaltet mindestens ein besonderes Highlight für Wasserbau-ingenieure: hier befindet sich der Scheitelpunkt (Seuil de Naurouze) des Kanals, der immerhin 57m über dem Kanalanfang in Toulouse und 189m über dem Kanalendpunkt in Sète liegt.

Der 1609 in Béziers geborene Pierre-Paul Riquet war es, der in Jahrzehnte langer Arbeit den Kanal und alle notwendigen technischen Bauwerke entwarf.  Genialerweise wurde dringend benötigtes Wasser aus den Montagne Noire aus einem Stausee (Lac de Saint-Férriol) am Scheitelpunkt des Kanals einspeist und „floss“ von dort in beide Richtungen ab.

An diesem Tag konnten wir unzählige der wunderschön konstruierten historischen Schleusen bewundern und zu Fuß mit Boot und Chariot (dem kleinen Bootswagen, der auf keinen Fall versenkt werden durfte) umlaufen. Dabei hatten wir mehr als ausreichend Gelegenheit, unsere Umtragetechnik zu optimieren (und uns an solchen Stellen Muskelkater zu holen, an denen es normalerweise nach dem Rudern nicht wehtut).

Mittwoch, Dritter Ralley-Tag

Bram - Carcassonne : vormittags ( 24,1 km / 5 Schleusen)

Carcassonne - Trèbes : nachmittags ( 12,7 km / 4 Schleusen)

Die Strapazen der vorangegangenen Tage forderten Ihre ersten Opfer. Sonnenstich, Muskelverhärtung und ein spektakulärer Sturz zwangen die einen auf Fahrrad und Steuersitz, während eines unserer Zugpferde ganz aussetzen musste. Mit Sophie aus dem Orga-Team, die in Frankreich aktiv Meisterschaften rudert, war zum Glück schnell ein würdiger Ersatz gefunden. Mit ruhigem, aber kräftigem Schlag waren die länger werdenden Etappen kein Problem. Bei der Ankunft am Nachmittag war noch Zeit für eine schnelle Erfrischung im Café – mit Ausblick auf den Kanal und die erheiternden Steuermaneuver der Freizeitkapitäne - ehe wir (hop-hop-hop) in die Stadthalle von Trèbes gescheucht wurden. Der Bürgermeister hatte zum Empfang geladen und Monsieur le Président war es sichtbar wichtig ein gutes Bild abzugeben.

Am Abend gab es für alle Interessierten einen Vortrag über die Enstehung und die Geschichte des Canal du Midi sowie den traurigen Niedergang der Platanen an dessen Ufer.

Letzterer sorgte für wenig Schatten bei kräftigem Sonnenschein, was uns noch weitere Ausfälle bescheren sollte…

Donnerstag, Vierter Ralley –Tag

Trèbes - La Redorte : vormittags ( 21,5 km / 5 Schleusen)

La Redorte - Ventenac : nachmittags ( 21,4 km / 5 Schleusen)

Neuer Tag, neue Mannschaften. Damit wir alle mal die Gelegenheit hatten miteinander zu rudern, wurde täglich durchgewechselt. An diesem Tag sprang Senia vom Fahrrad ins Boot, denn die Sonne hatte ein weiteres Opfer gefordert. Das schien den Kanal neidisch zu machen, also langte auch er beim ersten Umtragen am Vormittag zu. Nach einem falschen Tritt in renneifriger Eile mussten Harald und Senia, die bereits verladenen waren, zusehen, wie das Boot in Zeitlupe unter ihnen kenterte. Mit vereinten Kräften und der freundlichen Hilfe anderer Teilnehmer, waren Ruderer und Boot schnell geborgen und es konnte feuchtfröhlich weitergehen.

Zur Mittagspause in La Redorte wurden wir wieder vom Bürgermeister bzw. dessen Vertretung empfangen, ehe wir zum Mittagessen in spektakulärer Kulisse aufbrachen.

Die alte Kelterei tropfte vor Erinnerung an gute Jahrgänge und die langen Tafeln standen – landesüblich - voll davon. Die eh schon gute Stimmung bekam nochmal einen ordentlichen Schub, den wir mit auf die Etappe am Nachmittag nahmen.

„Bienvenue à Ventenac!“ schallte es bei der Ankunft schelmisch von der Brücke. Doch wer freudig nach oben blickte bekam eine unfreiwillige Taufe – zum Glück nicht mit Kanalwasser – verabreicht. Wassersport eben. Und natürlich wurden wir auch hier vom Bürgermeister empfangen, der uns zu Pizza und Weinprobe einlud.

Freitag, Fünfter Ralley-Tag

Ventenac - Capestang : vormittags ( 27,4 km )

Capestang - Béziers : nachmittags ( 19,9 km )

Bei glücklicherweise moderaten Temperaturen ging es auf die letzte und längste Etappe. Auf einem kurvenreichen Abschnitt des Kanals, aber ohne eine einzige Schleuse, ruderten wir 27km bis zur Mittagspause in Capestang, wo wir bei leichtem Nieselregen auf dem Marktplatz Mittagspause hielten.

Am Nachmittag erwarteten uns auf der 18km Zielstrecke gleich zwei markante Sehenswürdigkeiten. Wir ruderten durch den 160m langen „Tunnel de Malpas“, dem weltweit ersten Kanaltunnel und sahen dann am Zielort in Béziers, die berühmte siebensstufige Schleusentreppe (Fonserannes), in der zumeist die allgegenwärtigen Touristenboote insgesamt über 13,6m angehoben bzw. abgesenkt werden.

Mit einem Festessen auf einem Weingut beendeten wir den 5. Rallyetag.

Samstag, Sprintregatta und Verabschiedung

Weil ein angekündigtes Tanzvergnügen bei dem Festessen am Vorabend ausfiel, traten wir am Samstagmorgen frisch und munter zum letzten Ereignis der Rallye an: nämlich der Sprintregatta auf der Orb in Béziers.

Hier galt es, bei einer kurzen Sprintsstrecke von ca. 300m im Wettkampf mit den anderen Teams der Rallye ganz vorne zu liegen, was dem ersten Boot von Stuttgart

mit einer beeindruckenden Bronzemedaille (3. Platz) auch fast gelang.

Bei der abschließenden Siegerehrung mit Paellaessen in einem „Beach-Club“ (unter Jahrhunderte alten Platanen mit gewaltigen Ausmaßen) - bei der wir unsere Abenteuer, Erfolge und Missgeschicke nochmal Revue passieren ließen - nahm diese schöne und herausfordernde Regattawoche ihr offizielles Ende.

Aufenthalt in den Cevennen; Zwischenstopp Rückreise

Schön war´s gewesen. Und, weil wir uns noch nicht so richtig voneinander trennen konnten, verbrachten wir noch einen gemeinsamen Abend in den Cevennen.

Das kleine Dörfchen war mit seiner stillen Abgeschiedenheit ein krasser Gegenpol zum belebten Trubel der vergangenen Woche. Kulinarisch setzte sich aber die Serie erfreulicher Erlebnisse nahtlos fort. Bei ausgezeichnetem Wein und höchst gehaltvollem Nachtisch (95 % Butter, 25% Zucker = 120 % Zufriedenheit) ließen wir es uns am Abend nochmal gut gehen. Das hatten wir uns schließlich verdient.

Am Morgen noch ein letzter Spaziergang durch das kleine Dörfchen und schon war das Abenteuer vorbei. Viel zu kurz (wie dieser Bericht). Aber zum Glück bietet sich ja in jedem Jahr die Gelegenheit.

Danksagung:

Ganz herzlicher Dank gilt unseren beiden Chevaliers, Jean-Claude und Martin, die unsere Teilnahme und jedes kleinste Detail vor und nach der Rallye hervorragend organisiert haben. Dankeschön für diese einzigartige Wanderfahrt!

Mit dabei waren:

Martin, Jean-Claude, Hsiaosung, Bianca, Thomas, Jane, Jens, Christine, Dominik, Alice, Harald, Senia, Christian und Suzy aus Neuseeland